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06 Mai
2021

Was ist CSR und warum brauchen wir es?

Der Klimawandel hat sich als die vielleicht größte Bedrohung für unseren Planeten erwiesen. Er bedroht nicht nur das Ökosystem der Erde, sondern auch die gesamte Menschheit, ihren Wohlstand, ihre Ressourcen und ihre Existenz. Als integraler Bestandteil unserer Gesellschaft kommt den Unternehmen bei der globalen Nachhaltigkeitsverantwortung eine bedeutende Rolle zu (vgl. Stibbe 2019, S.1). Sie sind gefordert, über die wirtschaftlichen Erwartungen hinauszugehen und sich sozial und ökologisch zu engagieren (vgl. Schmitz 2021, S.1). Wenn Unternehmen diesem gesellschaftlichen Wunsch nachkommen, spricht man von Corporate Social Responsibility (CSR). Dieser Blogbeitrag versucht, das Konstrukt CSR vorzustellen und seine unersetzliche Rolle im Kampf gegen die Klimakrise aufzuzeigen.

CSR - einfach kompliziert

Der Begriff CSR ist nicht einfach. Das heißt nicht, dass es keine - zum Teil sehr erfolgreichen und zeitgemäßen - Definitionsversuche gibt, die ihn auf das Wesentliche reduzieren. Im Gegenteil, es gibt eine breite Palette von ihnen. Lin-Hi und Blumberg zum Beispiel erklären den Begriff als Versuch von Unternehmen, positive Effekte für die Gesellschaft zu schaffen und negative zu reduzieren oder zu vermeiden (vgl. Genders 2020, S.3f). Für Koren besteht das Ziel von CSR darin, soziale Gerechtigkeit und ökologische Verantwortung in die wirtschaftliche Praxis zu integrieren (vgl. Fischler & Sihn-Weber 2020, S.136).

Das Problem liegt nicht in der Definition des Begriffs, sondern vielmehr in der Komplexität und dem Interpretationsspielraum von CSR selbst. Grundsätzlich geht es bei CSR immer um Qualität und um Ziele innerhalb eines Unternehmens, aber auch um die Wirkung nach außen (vgl. Fischler & Sihn-Weber 2020, S.21). Dies ist eigentlich eine einfache und leicht verständliche Definition. Betrachtet man jedoch die einzelnen Komponenten, verliert man schnell den Blick für das große Ganze: Schon das Wort "außen" lässt Raum für Perspektiven. "Außenwirkung" kann die öffentliche und gesellschaftliche Wahrnehmung bedeuten. Gleichzeitig beschreibt es aber auch die Auswirkungen eines Unternehmens auf Umwelt und Klima. Demnach beeinflussen die CSR-Maßnahmen eines Unternehmens das Klima. Umgekehrt hängt der wirtschaftliche Erfolg, also das "Ziel" des Unternehmens, von den Umweltbedingungen - also dem Klima - und dem Ansehen - also der öffentlichen und gesellschaftlichen Wahrnehmung - ab. Als ob das nicht schon komplex genug wäre, ist ein guter Ruf zum Teil direkt auf das klimafreundliche Handeln eines Unternehmens zurückzuführen, und das Klima profitiert von dem Streben der Unternehmen nach einem guten Ruf.

CSR ist komplex und ganzheitlich. Sie sollte nicht als ein klar definiertes Konzept, sondern vielmehr als eine Managementphilosophie verstanden werden (siehe Genders 2020, S.3). Um zu funktionieren, muss sie daher tief im Kern des Unternehmens verwurzelt sein und in allen Bereichen gelebt werden. Eine Idee, die sich nur schwer mit dem pragmatischen Denken von Unternehmern vereinbaren lässt. In der Praxis wird CSR oft vereinfacht interpretiert und auf Aspekte heruntergebrochen, die schnell und einfach umgesetzt werden können und eine direkte, sichtbare Wirkung haben. Nach allgemeinem Verständnis beschränkt sich CSR daher oft auf die moralische Ebene und findet nur in strategischen, kurzlebigen und medienwirksamen Aktionen ihren Niederschlag. Inkonsequenz in der Nachhaltigkeitsstrategie stößt jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung häufig auf Ablehnung und führt zu kontraproduktiven Effekten sowie zu teilweise berechtigten Greenwashing-Vorwürfen (vgl. Genders 2020, S.8). Dabei kann die Absicht von Unternehmen sogar grundsätzlich gut und wohlwollend sein. Doch obwohl ein wachsendes Angebot an kohlenstoffarmen Produkten ein Indiz dafür ist, dass sich Unternehmen ernsthaft mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen, verzichten viele Unternehmen weiterhin auf eine ganzheitliche Emissionsreduktion und machen sich damit angreifbar. Was oft fehlt, ist die Verbindung zwischen CSR-Management und der operativen Unternehmensebene (vgl. Schmitz 2021, S.71).


Handeln Unternehmen mit gutem Gewissen?

CSR basiert auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Damit soll sichergestellt werden, dass Unternehmen in ihren innovativen Ansätzen nicht eingeschränkt werden. Allerdings stößt CSR auf Unternehmensseite sehr schnell dort an seine Grenzen, wo ein Handeln im Sinne von CSR Wettbewerbsnachteile oder keine Wettbewerbsvorteile schafft. Dass die Priorisierung von betriebswirtschaftlichen Interessen eine funktionierende Umsetzung von CSR verhindert, lässt sich anhand des Drei-Säulen-Modells der Nachhaltigkeit aufzeigen. Danach besteht Nachhaltigkeit aus drei Säulen - der ökonomischen, der ökologischen und der sozialen -, die in Wechselwirkung zueinander stehen und gleichberechtigt und gemeinsam behandelt werden müssen. Selbsterklärend sollte die ökologische Säule eigentlich die höchste Priorität haben, da soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit grundsätzlich auf einem funktionierenden Ökosystem beruhen. Wenn Umwelt- und Klimaprobleme nicht vorrangig behandelt werden, sind alle weiteren Bemühungen nutzlos. Leider wird diese Gesamtsicht des Problems von den Unternehmen oft ignoriert, und soziale und ökologische Fragen werden stets den wirtschaftlichen untergeordnet.

Unternehmen sind Teil des Problems. Jetzt müssen sie Teil der Lösung sein.


Damit CSR dennoch weltweit umgesetzt werden kann, muss es für die Unternehmen gute Gründe geben, dies zu tun. Dies können öffentlicher Druck, wirtschaftliche Anreize oder politische Vorschriften sein. Als sich in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends abzeichnete, dass zahlreiche Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht freiwillig oder nur unzureichend nachkommen, erhöhte sich der Druck der EU auf ihre Mitgliedsstaaten, verbindliche Maßnahmen umzusetzen (vgl. Stibbe 2019, S.7). Ein wichtiger Schritt wurde 2015 auf der Klimakonferenz in Paris gemacht, wo ein gemeinsames Ziel festgelegt wurde, die globale Erwärmung auf maximal 2°C gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen (vgl. Fischler & Sihn-Weber 2020, S.2).  Im selben Jahr verpflichteten sich alle UN-Mitgliedsstaaten, einen Beitrag zu den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) zu leisten, für deren Verwirklichung der Unternehmenssektor eine wesentliche Rolle spielt. Die Unternehmen werden als Mitverursacher der Klimaprobleme, aber auch als einflussreiche Akteure bei deren Lösung angesehen. So ist unternehmerisches Handeln unverzichtbar im Kampf gegen den Klimawandel und die Ressourcenknappheit, aber auch für den Erhalt der biologischen Vielfalt und die Achtung der Menschenrechte. (vgl. Stibbe 2019, S.6). Um die SDGs zu erreichen, werden daher auch auf Unternehmensebene politische Maßnahmen wie CO2-Steuern etc. durchgesetzt. Die Kürze der Legislaturperioden im Vergleich zu Klimaplänen, die meist langfristig bis 2030 oder gar 2050 laufen und immer wieder durch politische und wirtschaftliche Interessen auf den Prüfstand gestellt werden, wird dabei oft zum Verhängnis.

Parallel zu den politischen Entwicklungen wird auch die Nachhaltigkeit in der Gesellschaft allgegenwärtig. Meinungsführer wie Gore damals oder Thunberg heute schaffen Bewusstsein und mobilisieren vor allem junge Menschen, für das Wohl der Welt zu demonstrieren. Das wachsende Interesse macht es den Unternehmen unmöglich, auf CSR vollständig zu verzichten. Zudem steigt mit dem Interesse auch das allgemeine Wissen über Unternehmensprozesse. Unternehmen werden nicht mehr nur für ihren eigenen Betrieb verantwortlich gemacht, sondern für alles, was in der Wertschöpfungskette passiert. Werden beispielsweise soziale oder ökologische Missstände in ausgelagerten Fabriken am anderen Ende der Welt aufgedeckt, kann dies immer noch zu fatalen Imageschäden führen, wie mehrere Fälle in der jüngeren Vergangenheit gezeigt haben (vgl. Fischler & Sihn-Weber 2020, S.197). Auf viele Unternehmen warten nun kostspielige Umstrukturierungen, denn die Lieferkette eines Unternehmens verursacht im Durchschnitt immer noch viermal so viele Treibhausgasemissionen wie der interne Unternehmensbetrieb. In einigen Branchen, wie z.B. bei den Automobilherstellern, ist der Wert sogar siebenmal höher (vgl. Fischler & Sihn-Weber 2020, S.197). Durch die globale Verflechtung der verschiedenen Geschäftsbereiche ist fast jede Branche betroffen. Wenn nicht direkt, dann über Kunden oder Lieferketten.

Integration von CSR in das Unternehmen

Der Druck von Öffentlichkeit, Politik und NGOs führt zur Umsetzung von CSR-Maßnahmen. Einzelne Projekte sind gezwungen zu reagieren. Um langfristig wirksam zu sein, muss CSR jedoch in alle Bereiche des Unternehmens integriert werden. Beginnend mit der nachhaltigen Anpassung des eigenen Kerngeschäfts müssen nach und nach auch alle Bereiche der Wertschöpfungskette überprüft und erneuert werden. Dies darf sich nicht auf das Management beschränken, sondern muss auch auf der Mikroebene ansetzen. Während sich die CSR-Bemühungen vieler Unternehmen ausschließlich auf das Auftreten, die Werte und das Handeln der gesamten Organisation reduzieren, wird der Einzelne völlig vernachlässigt. Dabei ist eine nachhaltige Ausbildung der Mitarbeiter ebenso wichtig (vgl. Ahmad et.al. 2021, S.1139). CSR-Maßnahmen auf dieser individuellen Ebene sind schwer zu messen, haben aber einen enormen Einfluss auf die Klimaziele. Nicht nur die Nachhaltigkeitswerte des Unternehmens, sondern auch die nachhaltigen Verhaltensweisen der Mitarbeiter wirken sich positiv auf die Umwelt aus. So zeigte eine Studie, dass nachhaltiges Denken im Kern des Unternehmens auch die Mitarbeiter zum Umdenken anregt (vgl. Ahmad et.al. 2021, S.1145).

Die Integration von CSR in das Unternehmen ist ein langwieriger Prozess, der weder von heute auf morgen noch völlig reibungslos vonstatten gehen kann. Das wissen die Stakeholder, und das müssen auch die Unternehmen selbst erkennen. Generell hat es sich daher für Unternehmen als ratsam erwiesen, offen und transparent mit dem Thema Nachhaltigkeit umzugehen, Defizite und Rückstände offen zu kommunizieren, mögliche Fehler einzugestehen und eine kontinuierliche Verbesserung anzustreben (vgl. Genders 2020, S.10).

Risiken in Chancen verwandeln

Für Unternehmen bringt der Klimawandel Risiken und Herausforderungen mit sich. Er bringt aber auch Chancen mit sich. Mit der richtigen Klimastrategie können Unternehmen auf allen Ebenen wirtschaftlich profitieren. Die positiven Auswirkungen von CSR zeigen sich zum Beispiel in einem veränderten Kaufverhalten. Das gemeinnützige Engagement von Unternehmen, zum Beispiel durch Spendenaktionen und Gemeinschaftsprojekte, kann nachweislich zu einer positiven Veränderung des Verbraucherverhaltens führen. Darüber hinaus führt gut gemachte CSR zu höheren Umsätzen, einem verbesserten Unternehmensimage und einer besseren Mitarbeitermoral (vgl. Su et.al. 2021, S.470). Gute CSR macht Unternehmen auch für Talente interessant (vgl. Schmitz 2021, S.8). Denn ein zeitgemäßes CSR-Management wird zunehmend nicht nur von Kunden erwartet, sondern ist auch für Mitarbeiter wichtig und ein Ausschlusskriterium für Arbeitssuchende.

Ein weiterer wichtiger Vorteil, den eine gute CSR mit sich bringen kann, ist die Kosteneffizienz, insbesondere im Bereich der Ressourcen. Ressourceneffizienz stellt die Verbindung zwischen Umweltschutz und privatwirtschaftlichem Interesse perfekt her. Hier überschneiden sich soziale Verantwortung und Profit. Aus wirtschaftlicher Sicht geht es darum, mit einem geringeren Ressourcenverbrauch eine höhere Wertschöpfung zu erzielen und gleichzeitig die Umweltbelastung und -ausbeutung zu verringern. Dies kann durch den Ersatz von nicht erneuerbaren durch erneuerbare Materialien oder durch einen hohen Grad an Wiederverwendung von nicht erneuerbaren Materialien erreicht werden. Die weitestgehende Vermeidung und Verringerung von Abfällen spart ebenfalls Ressourcen und vermeidet gleichzeitig Emissionen. Auf diese Weise wird das Ökosystem nicht überlastet und darüber hinaus werden wirtschaftliche Einsparungen erzielt. (vgl. Fischler & Sihn-Weber 2020, S.43).

Mit gutem Beispiel vorangehen

Nachhaltige Entwicklung braucht unternehmerisches Handeln, und zwar jetzt. Dies ist keine überzogene Warnung, sondern eine nüchterne Analyse der Forschung. Die Weltbevölkerung wächst exponentiell. Das hat natürlich direkte Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Ressourcen und die vom Menschen verursachte Umweltverschmutzung. Hinzu kommen die wachsende Kaufkraft der Mittelschicht in den Schwellenländern und der mit zunehmendem Wohlstand verbundene Lebensstil (vgl. Fischler & Sihn-Weber 2020, S.23). Die globalen Umweltherausforderungen werden also immer größer. Die Wissenschaft warnt davor, aber die Wirtschaft verdrängt dies. Bis zu einem nicht allzu fernen Punkt, an dem die Schäden der Klimakrise unumkehrbar werden könnten.

Heute reicht es nicht mehr aus, auf die Fehler der Vergangenheit zu schauen, um Maßnahmen zu ergreifen. Dafür entwickeln sich die äußeren Bedingungen zu schnell weiter. Die Bekämpfung des Klimawandels erfordert Weitsicht auf Unternehmensebene. Der Energiesektor ist ein Beispiel dafür, wie CSR marktübergreifend funktionieren kann. Ein positiver Trend ist hier darin zu sehen, dass die Kosten für erneuerbare Energien inzwischen unter die von Kohle, Öl und Gas gefallen sind. Dieser Trend wurde durch den Markt, d.h. die Wirtschaft, herbeigeführt. Der Ursprung war das nachhaltige Bewusstsein der Unternehmen. Nicht nur in den entwickelten Industrieländern, sondern auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern, wo inzwischen ebenso viel in erneuerbare Energien investiert wird. (vgl. Fischler & Sihn-Weber 2020, S.35).

Auch in anderen Sektoren gibt es Veränderungen in die richtige Richtung. Lokale Märkte boomen, Obst- und Restebörsen entstehen, Fahrradverleihsysteme und Shared-Space-Lösungen sind auf dem Vormarsch, und die Solidarwirtschaft und die Gemeinwohlökonomie fassen langsam aber sicher Fuß. Die Tatsache, dass Nachhaltigkeit in so vielen verschiedenen Aspekten und Sektoren umgesetzt werden kann, veranschaulicht auch die Komplexität des Themas und lässt die Menschen verstehen, dass einzelne Handlungen und Umstände nicht getrennt voneinander betrachtet werden können, sondern in Wechselwirkung miteinander stehen.

Wie geht es jetzt weiter?

Durch den öffentlichen Druck ist der Klimaschutz in den letzten Jahren in den meisten Unternehmen bis in die obersten Führungsebenen vorgedrungen, dies gilt insbesondere für die DACH-Region (vgl. Fischler & Sihn-Weber 2020, S.192). Vor allem österreichische Unternehmen erkennen die Risiken des Klimawandels für die Wirtschaft, aber auch die wirtschaftlichen Chancen, die sich daraus ergeben. In den kommenden Jahren wird sowohl der öffentliche Druck weiter zunehmen als auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen verschärfen, wie u.a. das bereits definierte neue EU-Lieferkettengesetz zeigt. CSR erlebt derzeit eine Trendwende, ein Umdenken, und wird in einigen Jahren sowohl für Großunternehmen als auch für kleine und mittlere Unternehmen unumgänglich sein. Es ist zu hoffen, dass dieser Perspektivenwechsel nicht schon zu spät kommt.